Was glaubst du, ist das häufigste Problem, dem ich beim Offboarding UNICEF-Ehrenamtlicher begegne?

Dass sie beruflich zu sehr eingespannt sind?

Oder die eigenen Kinder doch zu viel von ihnen fordern? Sie auswandern wollen oder zu viele äußere Veränderungen anstehen?

Sie nennen solche Gründe, aber ihr Körper sagt etwas ganz anderes.

Es gibt diesen Moment, den ich bei so vielen Menschen aus meinem Umfeld sehe:

Du kämpfst für etwas. Du glaubst daran. Du siehst, wie nötig es ist. Und dann irgendwann – ohne dass es Worte dafür gibt – merkst du, dass dein Körper nicht mehr mitkommt.

Die E-Mails werden länger, bevor du sie beantwortest. Das Meeting, das du sonst geleitet hast, kostet dich drei Tage Erholung. WhatsApp-Nachrichten rutschen ungelesen immer weiter nach unten. Du willst – und kannst nicht mehr.

Das ist nicht Schwäche. Das ist kein Zeichen, dass du das falsche Leben lebst. (Good News: mit dem Lesen dieses Artikels sparst du dir das Coaching für „Manifestiere dir dein Traumleben".)

Das ist das Ende einer Strategie, die nie für die Dauer gedacht war.

Warum Aktivistinnen besonders häufig erschöpfen

Frauen* im sozialen Engagement tragen in der Regel mindestens drei Schichten gleichzeitig:

Die inhaltliche Arbeit – Projekte, Verantwortung, Wirkung.

Die Care-Arbeit – für Menschen, für Beziehungen, für Atmosphäre. Oft unsichtbar. Oft unbezahlt. Fast immer erwartet.

Die politische Arbeit des eigenen Körpers – als Frau in Räumen präsent zu sein, die nicht für sie gebaut wurden. Sichtbar genug sein, um gehört zu werden. Unsichtbar genug, um nicht als Bedrohung zu gelten.

Here comes the thing:

Das ist strukturell erschöpfend. Nicht individuell.

Und heutzutage geht niemand mehr zur Ärztin, sondern fragt Dr. Chatty.

„Hey Gisela (oder wie auch immer es dann heißt), ich habe folgende Symptome: bin ständig müde, habe die Lust an meinen Hobbys verloren, Bock auf Sex hab ich auch nur noch alle drei bis vier Wochen und am liebsten hätte ich gerne immer Urlaub. Was ist los mit mir?"

Dann gibt es die „Diagnose" Burnout.

Das Interessante daran: Die gängigen Antworten auf Burnout – mehr Selbstfürsorge, mehr Grenzen setzen, mehr Urlaub – behandeln das Symptom, nicht die Ursache.

Interessant, dass Selbstfürsorge meistens genau dann gefordert wird, wenn Frauen* kurz vorm Kollaps stehen.

Das Nervensystem im Dauerbetrieb

Unter anhaltender Belastung bleibt das sympathische Nervensystem aktiviert. Das Stresshormon Cortisol bleibt erhöht. Die Signale für Erholung – für echte Erholung, nicht nur Ruhe – kommen nicht an.

Was das konkret bedeutet: Du sitzt auf der Couch und kannst nicht abschalten. Du schläfst, aber wachst nicht erholt auf. Du machst Urlaub und bist nach drei Tagen gedanklich wieder bei der Arbeit. Meditation? Wann das denn noch?

Das ist kein Charakterproblem. Das ist ein System, das nicht mehr runterregulieren kann, weil es nie die Chance hatte, die Aktivierung vollständig abzuschließen.

Peter Levine spricht in Waking the Tiger davon, dass Tiere nach einer Bedrohung buchstäblich zittern – um die Aktivierungsenergie aus dem Körper zu entlassen. Wir haben uns das abgewöhnt.

Funktionalität bestimmt über unseren Lebensstandard. In dieser meritokratischen Logik ist die Person, die nix hat, individuell gescheitert.

Und wer einmal gescheitert ist, kriegt als Otto- oder Muhammad-Normalverbraucher keinen gut bezahlten Job mehr.

Funktionalität ist also lebenserhaltend.

Dysfunktionalität hingegen lebensbedrohlich.

Das Ergebnis: Die Energie bleibt im System. Und irgendwann gibt das System auf.
Während andere links an uns vorbeiziehen und die Lorbeeren aufsammeln, die zu erreichen der Rest vom Fest keine Kraft mehr hatte.

Was Erschöpfung mit Wirkung zu tun hat

Hier ist der Punkt, der mich am meisten beschäftigt – auch aus eigener Erfahrung:

Frauen*, die erschöpft sind, verlieren nicht nur ihre Kraft. Sie verlieren ihre Klarheit.

Die Fähigkeit, in einem Raum zu spüren, was gerade passiert. Die Fähigkeit, zu unterscheiden: Bin ich jetzt wirklich einverstanden – oder habe ich nicht die Energie (auch bekannt als „cojones"), Nein zu sagen und meinen eigenen Vorschlag vorzutragen?

Erschöpfung ist also nicht nur ein Problem für die Aktivistinnen selbst. Sie ist ein Problem für die Räume, die sie gestalten. Und: für die Menschen, die sie begleiten.

Ein Körper unter Dauerdruck kann keinen Raum halten, der Tiefe braucht.

Was wirklich hilft – und was nicht

Was nicht hilft: Noch effizienter werden. Prioritäten neu ordnen. Ein besseres Zeitmanagement.

Was hilft:

Den Körper aus dem Überlebensmodus holen – nicht durch Erschöpfungsmanagement, sondern durch langsame, wiederholte Signale der Sicherheit. Der Körper muss lernen: Es ist okay, jetzt nicht zu kämpfen.

Den Unterschied spüren lernen zwischen echter Gefahr und konditionierter Alarmierung – weil nicht jede Anspannung bedeutet, dass etwas Schlimmes passiert.

Co-Regulation – in echte Verbindung gehen, nicht in Funktionsbeziehungen. Das Nervensystem reguliert sich nicht alleine. Es reguliert sich in Beziehung.

Und: nicht alleine. Systemische Erschöpfung braucht systemische Antworten. Auch das ist politisch.

Was der Kopf hier lernen darf: Was sich nach individuellem Versagen anfühlt, ist strukturell kreiert. Es ist ein historisches Konstrukt, um Macht zu navigieren.

Also scheiter! Mach Fehler! Und teile das mit Menschen, denen du vertraust.

Nicht als Kalenderspruch „Zusammen scheitern ist auch zusammen".

Sondern als somatische Neuausrichtung: ich darf mich anlehnen. ich darf gehalten sein.

Denn der Körper bekommt genau, was er braucht. Entweder die Erdung durch das Aufrechterhalten dieser alten Geschichte. Oder im Erkennen des Bedürfnisses dahinter.

Was das mit meiner Arbeit zu tun hat

Ich kenne diesen Körperzustand nicht aus Büchern. Ich kenne ihn aus meinem eigenen Leben: Krieg in Palästina, Demos, Mails beantworten, gleichzeitig drei Kinder (alle drei AuDHDs), eine eigene Neurodivergenz voll im Raum, und das Gefühl: Was mache ich hier eigentlich? Es verändert sich nichts.

Wenn ich Nachrichten gelesen habe, war ich schon fertig mit den Nerven – und dachte, das sei das Problem.

Der Wendepunkt für mich war nicht Rückzug (obwohl ich hundertmal mit dem Gedanken gespielt habe, einfach das ehrenamtliche Engagement für Kinderrechte hinzuschmeißen). Die Veränderung kam erst, als mir klar wurde, dass ich meine somatischen Skills genau hier anwenden kann: im Lernen, mehr zu halten, als ich dachte, dass ich kann.
Nicht im Sinne von mehr leisten. Im Sinne von: mein System so stabilisieren, dass ich Verantwortung tragen kann, ohne daran zu zerbrechen.

Das ist, woran ich mit Frauen* arbeite.

Wenn du erkennst, dass dein Körper gerade an dieser Grenze steht – ich biete Erstgespräche an. Kostenlos und zum Kennenlernen.

Lisa Wolfgarten ist Somatic Coach, Islamwissenschaftlerin und UNICEF-Engagierte in Ludwigsburg. Sie arbeitet mit Frauen*, die die Welt verändern wollen – und lernen, sich dabei nicht selbst zu verlieren.