Wann hast du das letzte Mal etwas nicht gesagt – in einem Raum, in dem du eigentlich auf der richtigen Seite warst?
Kein Vorwurf. Ich frage, weil ich es kenne. Und weil ich glaube, dass die Antwort auf diese Frage mehr über Allyship aussagt als jeder Diversity-Workshop.
Du identifizierst dich als Verbündete. Du bildest dich weiter. Du liest, hörst zu, teilst, redest. Und dann kommt der Moment – ein Kommentar in der Runde, eine Aussage in der Gruppe, ein Witz, der keiner ist. Und du schweigst. Oder sagst etwas, das du hinterher nicht mehr hören willst.
Das ist nicht Heuchelei.
Das ist die Lücke zwischen Wissen und Handlungsfähigkeit.
Und diese Lücke schließt sich nicht durch mehr Wissen. Auch nicht durch mehr gute Absichten. (Obwohl – rate mal, wer immer noch glaubt, dass das reicht.)
Was Allyship meistens bedeutet – und wo es aufhört zu funktionieren
Allyship wird meistens gedacht als eine Frage der Einstellung. Als Bereitschaft, zuzuhören, zu lernen, eigene Privilegien zu reflektieren.
Das ist die Voraussetzung. Kein Ersatz.
Weil Einstellung unter Druck kollabiert.
Wenn du in einem Raum bist, in dem eine Dynamik entsteht, die du als ungerecht erkennst – hat dein Nervensystem in diesem Moment exakt eine Sekunde Zeit zu entscheiden. Und es entscheidet nicht auf der Basis deiner Überzeugungen. Es entscheidet auf der Basis dessen, was es gelernt hat.
Was hat es gelernt?
Wie hat es sich angefühlt, als du das letzte Mal widersprochen hast? Was ist passiert? Was hat dein Körper daraus gemacht?
Diese Erfahrungen sind gespeichert. Im Gewebe. Und sie bestimmen, was du tust – bevor du entschieden hast.
Was „embodied" bedeutet
Embodied – verkörpert – bedeutet nicht, dass du über deinen Körper nachdenkst. Es bedeutet, dass eine Praxis ins Gewebe übergegangen ist.
Kein esoterisches Konzept. Neurobiologie.
Antonio Damasio hat beschrieben, wie Entscheidungen nicht im rationalen Verstand getroffen werden, sondern in körperlichen Signalen, die dem Verstand vorausgehen. Was du in einem kritischen Moment tust, ist eine körperliche Reaktion – keine bewusste Wahl.
Das heißt: Um in dem Moment anders zu handeln, muss sich etwas im Körper verändert haben.
Nicht im Kopf. Im Körper.
Embodied Allyship ist Solidarität, die so oft geübt und so tief verankert ist, dass sie unter Druck nicht zusammenbricht.
Das hat nichts mit Charakter zu tun. Das ist Training. Das ist der berühmte Muskel, den wir trainieren können – und müssen.
Warum das für weiße Frauen* besonders relevant ist
Ich spreche hier auch über mich – als weiße Frau, die Klassismus als Körpererfahrung kennt, die akademisch ausgebildet ist, die privilegiert im Stuttgarter Speckgürtel lebt und ehrenamtlich Kinderrechte verteidigt.
Mein Körper hat in dieser Gesellschaft Erfahrungen gemacht, die andere nicht machen. Und umgekehrt.
Das bedeutet: Die körperliche Reaktion auf Konflikte in gemischten Räumen ist für mich anders als für Schwarze Frauen*, Frauen* of Color, Frauen* mit weiteren Marginalisierungsachsen. Die gespeicherten Muster sind andere. Das, was als Bedrohung registriert wird, ist anders.
Allyship, die das nicht kennt, produziert meistens mehr Arbeit für die Menschen, für die die Veränderung bewirkt werden soll.
Denn der Körper bekommt immer, was er braucht. Auf genau die Weise, die ihm eingeschrieben ist.
Allyship (=Verbundenheit) durch „Ja, du Arme, du darfst deine Individualität ausleben, auch wenn sie das als kulturelle Aneignung bezeichnet." (Autsch, white fragility in action).
Oder Allyship durch „Ich spüre da gerade diesen Stich, aber respektiere deinen Erfahrungsraum, den ich wahrscheinlich nicht vollständig einsehen kann."
Embodied Allyship beginnt damit, die eigenen Muster zu kennen. Zu wissen: Wann weiche ich aus? Wann übernehme ich Raum, den ich nicht hätte nehmen müssen? Wann wird mein Körper klein – und wann tut er so, als wäre er größer, als er sein sollte?
Eine körperliche Praxis – konkret
Was hilft:
Wahrnehmen, bevor man handelt – in heißen Momenten einen Atemzug lang in den Körper spüren. Wo ist Enge? Wo ist Offenheit? Was informiert diese Entscheidung?
Üben, wenn es nicht drauf ankommt – kleine Momente des Widersprechens, des Benennens, des Neinens trainieren das Nervensystem. Wenn der große Moment kommt, hat der Körper eine Referenz.
In echter Verbindung bleiben – nicht in Funktionsbeziehungen. Das Nervensystem reguliert sich in Beziehung, nicht in Isolation. Auch nicht in Performance-Beziehungen, in denen niemand mehr sagt, was wirklich los ist.
Fehler machen und drin bleiben – nicht wegrennen, wenn etwas schiefgeht. Das ist vielleicht die schwierigste Übung. Und die wichtigste.
Solidarität als Langzeitprojekt
Kein Artikel macht aus einer Person eine embodied Ally. Das ist ein Langzeitprojekt. Gut so.
Der Unterschied zwischen Allyship als Haltung und Allyship als Praxis zeigt sich in genau den Momenten, die zählen.
Also scheiter. Bleib trotzdem. Mach Fehler und teile das mit jemandem, dem du vertraust. Weine, aber stelle deinen Schmerz nicht ins Zentrum der Unterhaltung.
Als somatische Neuausrichtung: ich darf mich anlehnen. ich darf falsch liegen. ich darf lernen.
Für die Menschen, die für ihre Sichtweisen immer noch um Deutungshoheit kämpfen müssen.