Heute Morgen, im Unterricht, fragt ein Junge, warum wir eigentlich keine Nationalhymne mehr lernen. Die WM läuft gerade. Er will den Text können. Weil es ihm wichtig ist.
Ich notiere mir den Satz innerlich. Die Worte "national" und "Hymne" zusammen zu hören, rüttelt wie immer Ekel in mir wach. Aber dieses Gefühl versuche ich hinter einer Maske aus Neutralität zu verbergen.
Große Pause. Die Kinder spielen Fußball. Ich sitze auf einer Bank, und ein Junge setzt sich neben mich — so beiläufig, wie nur Kinder das tun.
Das tut er so oft. Steht plötzlich neben mir. Wirft eine Frage vor meine Nase und verschwindet dann wieder. Dieses Mal sitzt er einfach da. Ich frage ihn, ob er in Deutschland oder Palästina geboren wurde. "Ich wurde auf dem Meer geboren", antwortet er. In mir ist noch der Ekel von vorher aktiv. Ich versuche meine Gedanken um diese Aussage - um die Lebensrealität dieses Kindes - zu wickeln. Ein Moment des Schweigens. "Davor haben wir in Damaskus gelebt. Also komme ich aus Damaskus." "Also hat seine Familie wahrscheinlich in einem Flüchtlingslager, auf jeden Fall aber als Flüchtlinge, in Damaskus gelebt, für wer weiß wie viele Jahrzehnte.", entsteht als Erklärung in meinem Hirn. Bruchstücke der Geschichte Gazas und osmanischer Geschichte kommen mir in den Sinn. So viel Geschichte. In einem so jungen Menschen. Plötzlich fühle ich die Schwere einer solchen Geschichte. Dieser Geschichte. "Auf dem Meer geboren".
Er erzählt mir seine Geschichte. Palästinensische Staatsangehörigkeit. Geboren in Damaskus. Die Familie ist geflohen, kurz nachdem er auf die Welt kam. Zweitausendfünfzehn.Ich frage ihn, ob seine Mama ihm je etwas aus dieser Zeit erzählt hat.
Er schüttelt den Kopf.
Dann steht er auf. Will auch Fußball spielen gehen. Und bevor er losläuft — mit dem ganzen Vertrauen zwischen uns, das gerade ein ernsthaftes Update erfahren hat, — fragt er, ob ich auf seinen Schlüssel aufpassen kann. Daran hängt auch eine Karte. Ich traue mich nicht darauf zu schauen. Es geht mich nichts an.
Ich nehme sie. Er dreht mir den Rücken zu, läuft los.
Und ich spüre, wie etwas in mir bröckelt.
Ich kenne diesen Panzer. Ich habe schon mal über ihn geschrieben. Er legt sich um mein Herz, wenn zu viel Mitgefühl mich handlungsunfähig machen würde — wenn Empathie mich das Sprechen kosten würde. Normalerweise hält er.
Heute nicht ganz.
Drei Kolleginnen stehen in der Nähe. Bewachen den Schulhof wie Kerberos. Und in mir bricht sich die ganze Schwere nun Bahn: Fange ich jetzt echt an zu weinen?
Und während ich noch mit dem Schlüssel in der Hand dasitze, rattert in meinem Kopf längst etwas anderes los.
Palästinensischer Nationalismus. Der Zerfall des Osmanischen Reichs. Die Idee des Nationalismus selbst — historisch betrachtet eine ziemlich junge Erfindung, keine 200 Jahre alt.
Während in Deutschland Kohle abgebaut und Maschinen gebaut wurden, während sich hier ein Nationalstaat um eine Industrie herum formte, wurde im Osmanischen Reich um etwas anderes gerungen. In den 1860er-Jahren entstehen im Reich die ersten arabischsprachigen Zeitungen — und mit ihnen ein neues Vokabular für Zugehörigkeit. In dieselbe Zeit fällt das Massaker an den Christen in Damaskus, 1860. Blutig, real, ein Bruch, der nachwirkt.
Ende des neunzehnten Jahrhunderts dann die Nahda, die sogenannte arabische Renaissance. Der panarabistische Gedanke breitet sich aus — eine Idee von Zugehörigkeit, größer als der einzelne Stamm, größer als die einzelne Stadt.
Und dann: keine Chance. Nicht gegen Frankreich. Nicht gegen Großbritannien. Die kolonisierenden Mächte teilen die Landkarte neu, lange bevor irgendjemand aus der Region gefragt wird, wie er sich selbst nennen möchte.
Der Junge, der mir gerade seinen Schlüssel gegeben hat, steht am Ende einer sehr langen Kette von Verhandlungen. Verhandlungen, in denen weder seine Stimme vorkam. Noch die seiner Eltern. Noch die seiner Großeltern.
Und heute Morgen, im Klassenzimmer, saß ein anderer Junge, der die deutsche Nationalhymne mit Stolz singen lernen will. Den Text auswendig. Weil es ihm wichtig ist.
Beides ist eine Realität. Beides ist ehrlich.
Wo stehen wir da?
Ich weiß es nicht. Ich habe keinen sauberen Schlusssatz dafür, keine Moral, die alles auflöst.
Was ich weiß: Ich halte einen Schlüssel in der Hand, dessen Besitzer auf der Flucht nach Deutschland geboren wurde. Und für die Zeit, die er zum Fußballspielen braucht, ist sein Schlüssel bei mir sicher.
Vielleicht ist das die einzige Antwort, die ich heute habe. Keine Erklärung. Kein Argument. Keine Auflösung.
Nur: Ich passe auf die Geschichten auf, die mir anvertraut werden. Und ich lasse zu, dass mein Panzer bröckelt. Jedes Mal ein bisschen mehr bis hoffentlich bald nichts mehr davon übrig ist.