Ich habe zuletzt die aktuellen Beiträge von Tupoka Ogette gelesen. Und mich in den Podcast The Soul's Way von Emily Anne Brant vertieft — eine Episode über die Dekolonisierung des eigenen Coaching-Business.

Ich bin eigentlich so weit. Seit 15 Jahren bin ich auf dem Pfad post-kolonialer Theorien. Ich hab das sogar selbst schon an der Uni gelehrt.

Aber: Ihre Worte haben mich getroffen.

Diese Art "getroffen", die im Körper sitzt, nicht im Kopf. Tiefe Resonanz. Das Gefühl, dass etwas aufgeschreckt wird, das lange im Schatten geschlummert hat und nun geweckt wurde: Scham.

Doch dann war der Moment so schnell vorbei, wie er gekommen war.

Meinem Pass nach bin ich Deutsche.

Deutsche. Ein Wort, ein Begriff, dem ich nie etwas abgewinnen konnte. Was bedeutet es, deutsche Staatsangehörige zu sein?

In Momenten wie der kurz spürbaren Scham weiß ich es wieder: Abschalten

Ein innerer Schutzpanzer, der die Scham abriegelt vom Rest meines Körpers.


Ich kenne das gut. Bevor Scham sich ausbreiten kann, schaltet er stumm. All meine übrigen Empfindungen wie ein 40er Jahre Schwarz-Weiß-Film ohne Ton. Das innerliche Dichtmachen, wenn die Möglichkeit im Raum steht: Was, wenn ich etwas falsch gemacht habe? Was, wenn ich — trotz allem, trotz all dem Lesen und Denken und Wollen — immer noch Teil des Problems bin?

Tupoka hat das nicht gesagt.
Emily hat das nicht gesagt.

Trotzdem war es da. Dieses leise Zusammenziehen. Dieses Hochfahren des Schutzmechanismus, der sagt: Bis hierher. Genug jetzt. Ich habe für heute genug gelesen.

Ich mache mein Handy aus.


Das Problem mit dem Dichtmachen ist nicht, dass es kommt.
Es ist, dass die Geschichte, die darum herum gewickelt ist, so alt ist.

Denn der Satz, der sich in mir aktiviert, ist nicht: Du hast etwas Falsches getan.
Er ist: Du bist falsch.

Das ist ein gar nicht mal so kleiner Unterschied.

„Du hast etwas Falsches getan" lässt Korrekturen zu. Das ist ein Handlungsimpuls. Da kann man etwas mit anfangen.

„Du bist falsch" ist ein Urteil. Und Urteile machen dicht. Urteile haben kein Ziel. Sie sind das Ziel. Sie sind der Grund, warum das Handy ausgeht — nicht weil der Inhalt falsch ist, sondern weil etwas in mir ihn nicht mehr aushalten kann, solange er sich wie eine Bestätigung anfühlt. Wie eine Wahrheit, die schon viel länger da ist, als jede politische Debatte.

Jahrelange Prägung. Die Art, wie bestimmte Körper bestimmte Räume betreten und sofort spüren: Hier bin ich das Problem. Nicht einfach Person mit Fragen oder dem Wunsch, etwas zu verändern. Nein: Das Problem selbst.

Das hat nicht Tupoka Ogette erschaffen. Oder Emily. Oder eine andere Person, die ihre Wahrheit jahrhundertelanger Unterdrückung zum Ausdruck bringt.
Das haben Jahrzehnte gebaut.
Der Blogartikel hat es nur kurz an die Oberfläche gerufen. Einige wenige Worte über Weißsein.

Und dazu all diese Fragen, die ich für mich längst beantwortet habe. Die Rassismen reproduzieren und all die falschen Dinge zu gut machen.

Ich ekel mich vor mir selbst für diese Gedanken. Was, wenn ich doch immer noch Teil des Problems bin?

Wie kann es sein, dass eine Art, einen Satz zu schreiben, in mir dieses Unbehagen auslöst, vor dem ich längst gefeit sein sollte?


Ich schalte das Handy aus.

Schließlich habe ich Kinder. Die wollen ihre Mama zufrieden, nicht voller Selbsthass.

Selbsthass. So ein starkes Wort. Ein noch stärkerer Begriff. Und an dessen Ende eine Partei, die davon profitiert...

Ich habe Selbsthass gelernt. Ich bin eine Frau. Aber das emotionale Potential nach außen statt nach innen gerichtet? Davon zeugt schon das älteste erhaltene Schriftwerk der Menschheit, das Gilgamesch Epos.


Ich war noch nie gut darin, den Kopf in den Sand zu stecken. Das Gefühl nagt weiter. Und irgendwann, zwischen Abendessen kochen und dem dritten Einschlafritual, kommt der Gedanke, der sich nicht wegkuscheln lässt:

Nur an meine eigenen Kinder zu denken, ist ein furchtbares Vorbild.
Für meine eigenen Kinder.

Ich kenne die Zahlen. Ich weiß, wie wenige Menschen sich wirklich mit Rassismus und intersektionaler Diskriminierung auseinandersetzen — nicht als Konzept, das man kennt, sondern als Praxis, die das eigene Verhalten verändert. Die Zahl ist nicht groß. Und beschränkt sich stark auf Berlin und einige Teile NRWs.

Ich gebe meinem Jüngsten einen Kuss auf die Stirn. Ich liebe diese Mimik des Kindes, das gerade eingeschlafen ist. Der Kiefer macht auch nach 5 Jahren immer noch winzige Saugbewegungen. Etwas in mir schmilzt. So viel Liebe, so viel Schmerz. Zwei Wahrheiten leben in meiner Brust.

Und die Essenz von beiden ist: Alle Kinder haben das Recht auf dieses zufriedene Einschlafen.

Jedes.
Einzelne.

Das ist mein politisches Manifest.


Das klingt groß. Es ist groß. Das ist ein Mic Drop-Moment.
Und es ist gleichzeitig das Alltäglichste, das ich mir vorstellen kann.

Wir sind diejenigen, die in all den kleinen Begegnungen des Alltags die Welt dieser Kinder gestalten. Beim Einkaufen. In der Kita. In der Schule. Beim Arztbesuch. Auf dem Gehweg. Beim Warten auf den Bus. In der Warteschlange beim Bäcker.

Das sind Randschauplätze. Und Bühnen.

Denn in diesen Momenten entscheidet sich, wie Kinder die Welt erleben.

Jedes.

Einzelne.

Ob ihr Lachen unbeschwert bleibt. Ob ihre Liebenden sie abends mit leichtem Herzen ins Bett bringen können — weil sie keine Angst haben mussten, beim Kurz-noch-einkaufen eine ausgrenzende Erfahrung zu machen, die ihrem Nervensystem ein Notsignal senden.

Wann verstehen die Menschen, die Schule machen endlich, dass Deutschunterricht nicht hilft, Deutsch zu lernen? Dass es nicht die Menge an Unterrichtsstunden ist, nicht die Anzahl an Fachbegriffen? Wann verstehen sie endlich, dass Kinder gesehen werden müssen? Nicht mal lange. Nicht mal mit all ihren Lebensrealitäten. Aber mit Freud und Leid ihres Lebens. Und dass sie dichtmachen, wenn dafür kein Platz ist?

Das ist keine politische Theorie.
Das ist die Architektur von Zugehörigkeit.


Was ist also mit meinem Panzer?
Als Lösung akzeptiere ich ihn nicht. Als Signal schon.

Er zeigt mir, wo das Falschsein noch sitzt — MEIN Falschsein. Ein Glaube, der in mir lebt. Ein Gedanke, der durch einen Reiz im Außen aktiviert wird.

Aber erst die Energie des Mamaseins zeigt mir, was es kostet, wenn es dort bleibt. Nicht als Schuldgefühl. Nicht als Selbstgeißelung. Als Orientierung.

Als Kompass für dasjenige Leben, das ich jedem Kind auf diesem Planeten aus tiefster Seele wünsche.
Das Dichtmachen sagt: Hier ist noch etwas. Hier ist noch Arbeit. Nicht die Arbeit des Selbst-Zerlegens. Sondern die des Hinschauens. Des Aushaltens. Des Weitermachens — nicht trotz des Panzers, der mein Herz schützen will. Sondern wegen ihm.

Ich mache mein Handy wieder an.

Das Falschsein nagt noch.

Aber ich weiß jetzt wieder, warum ich das aushalte. Nicht für das große Ziel. Nicht für die Weltgeschichte.

Für das Kind in der Warteschlange beim Bäcker, das eine unbeschwerte Mama verdient hat.

Lisa Wolfgarten ist Kulturanthropologin, somatische Coachin, Bildungsaufsteigerin und Mama dreier neurodivergenter Kinder. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Körper, Geschichte und Macht.