Es gibt einen Satz, den ich nie laut gesagt habe, bis ich verstanden hatte, dass er der Anfang von allem ist.

Im Spätherbst nach meinen Realschulabschluss wurde ich vergewaltigt.

Nach 16 Jahren Leben wurde mein Körper zu einem Niemandsland. Sowas wie Bauchgefühl? I'm sorry, I don't understand. Ohne eine Familie, die mich hielt. Mit einer einzigen Freundin als gesamtem sozialem Netz. Keine Therapeutin. Keine Ärztin. Doch vor allem: Keine Perspektive auf ein Leben, das irgendwie gut werden könnte. Ich war beim Internationalen Bund in einer berufsvorbereitenden Maßnahme — der institutionelle Ort für junge Menschen, für die das System keine Pläne hat.

Es war als hätte die Welt buchstäblich keinen Platz für mich.

Doch was ich hatte: den unbändigen, nicht erklärbaren Impuls zu verstehen. Nicht zu verarbeiten — das Wort kannte ich damals nicht. Sondern zu begreifen. Warum ist das so. Warum bin ich so. Warum ist die Welt so eingerichtet, dass manche Menschen in ihr ankommen und andere nicht.

Mit siebzehn Jahren bin ich auf ein Internat, um mich in Altphilologie ausbilden zu lassen – vermeintlich ein sicherer Ort. Eigentlich wollte ich nur weg. Nicht weil jemand mir diesen Weg gezeigt hätte. Sondern weil ich instinktiv wusste: Wenn ich bleibe, wo ich bin, bleibt alles wie es ist.


Ich habe dann viele Jahre lang Heilung in Bildung gesucht. Habe Sprachen angehäuft wie andere in meinem Alter Situationships.

Ich glaubte, dass, wenn ich nur genug lese, genug verstehe, genug Sprache für das bekomme, was mir passiert ist und was ich in der Welt erlebe — dass es dann aufhört. Der Schmerz. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, falsch zu sein, zur falschen Zeit geboren worden zu sein. Und ganz leise hatte ich wohl gehofft, dass auch diese Erschöpfung endet, die sich nicht durch Schlaf löst.

Ich war wie eine wild Suchende nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie entsteht Gewalt? Was sind Werte? Wie sind Menschen dafür eingestanden?

Philosophie. Kulturwissenschaften. Geschichte. Religionen. Coaching. Buch um Buch verschlungen. Und irgendwann ist mir etwas aufgegangen, das mich gleichzeitig befreit und vollkommen desillusioniert hat.

Mit Desillusionierung meine ich nicht die Art, bei der jemand merkt, dass ein anderer Gedanke, der bisher noch nicht bedacht wurde, zutreffender ist, man also bis dato einem Irrtum erlegen war.

Das wäre nett gewesen. Frei nach der Devise: "Ach schön, ein neuer, frischer Blickwinkel."

Nein.

Diese Desillusionierung dringt tiefer.

Und auf ihrem Weg zerschmettert sie. Glaubenssystem um Glaubenssystem.

Schatten um Schatten.

Und je unsichtbarer die Illusion, umso tiefer der Schmerz, der sie zerstört.

Die Desillusionierung ist diese: Es ist alles eins.

Unter jedem dieser Systeme, unter jeder Methodik, unabhängig davon ob sie sich Traumatherapie nennt oder politische Theorie oder somatische Praxis oder Dekolonisierungsarbeit — liegt derselbe Kern. Dieselbe Grundfrage. Dieselbe. menschliche. Not.

Der einzige Unterschied ist das Framing. Der akademische Bereich, der seinen Namen darüber schreibt.


Aber es gibt ein aber.
Nicht das Framing der Methode, ihre Legitimation für eine interdisziplinäre Anwendung oder der exzellenzgeclusterte Professor (!), der darin publiziert hat, bietet eine Differenzierung. Auch liegt es nicht am Forschungsgegenstand, nicht Religion, nicht Hautfarbe, nicht Gender, nicht Ability, nicht Klasse.

Es ist das: Wie und wo bleiben Macht und Gewalt im Körper lebendig?

Kannst du Gefühle in dir entstehen lassen — und sie durch dich hindurchgehen lassen? Kannst du weinen, bis der Körper fertig ist? Schreien, bis die Kehle sich öffnet? Tanzen, bis du dich selbst vergisst? Ums Feuer stampfen zum Trommelschlag und spüren, wie etwas in dir sich löst, das du gar nicht wusstest, dass es verknotet war?

Nicht, weil eine Instagram-Göttin im weißen Kleid eine perfekt geformte Taille und marketingtaugliche Brüste im Reel schwingen lässt und ihr nächstes Retreat auf Bali anpreist.

Sondern weil die Entprofessionalisierung von Gefühlen strukturell Machtasymmetrien stützte.

Oder hast du gelernt — wie ich es gelernt hatte, wie es fast alle lernen in einer Gesellschaft, die Kontrolle über Ausdruck stellt — dass Gefühle dich irrational machen? Dass ein Körper, der fühlt, ein Körper ist, der versagt?


Kurzer Spoiler: Bildung hat mich nicht geheilt.

Aber sie hat mir gegeben, was ich brauchte, um zu verstehen, warum der Körper der eigentliche Ort ist, an dem alles beginnt und endet. Nicht als Metapher. Nicht als spirituelle These. Als handfeste, wissenschaftlich belegbare, philosophisch zwingende Wahrheit.

Ich bin im Herzen Philosophin. Das bedeutet für mich: Ich twerke auf der Metaebene. Ich schaue auf Systeme, auf Muster, auf das, was sich wiederholt unabhängig davon, wie wir es nennen.

Und was sich wiederholt, überall, in jedem Ansatz, in jeder Disziplin, ist das:

Menschen verändern sich nicht, wenn sie mehr wissen.
Sie verändern sich, wenn ihr Körper endlich erlaubt, sich zu verändern.


Das ist der Grund, warum ich diese Arbeit mache.

Nicht weil ich eine Heldengeschichte habe — das hier ist keine Heldengeschichte. Das ist eine Geschichte über eine junge Frau ohne tragendes soziales Netz, die sich durch Bücher einen Weg gebahnt hat und dabei gelernt hat, dass Bücher allein nicht reichen.

Sondern weil ich beides kenne: den Weg durch den Kopf, der einem zwar akademische Grade beschert, aber trotzdem nicht klüger macht. Und den Moment, in dem der Körper endlich sprechen darf.

Meine Erfahrung zeigte: Meine Vulva weiß Dinge, die mein Kopf jahrelang nicht wissen durfte.

Dreht eine Geisteswissenschaftlerin hier gerade durch? Wo bleibt der professionelle Anspruch an ein Essay?

Moment, ich bekomm hier 'ne Message re...Ah, ne, meine Vulva hat einen nicht zitierbaren Deine-Mudda-Witz gemacht.


Carolee Schneemann hat das 1975 aufgeführt — buchstäblich.

Sie zog einen gerollten Papierstreifen aus ihrer Vagina und las ihn vor Publikum vor. Keinen Witz. Keine Provokation um der Provokation willen. Einen Text. Wissen. Sprache — die aus dem Körper kam, nicht aus dem Kopf.

Die Reaktion war dieselbe, die Körperwissen von Frauen immer begleitet: Das könne man sich nicht ansehen. Zu privat. Zu unstrukturiert.

Die Kunstkritikerin Lucy Lippard hat die Struktur dahinter benannt:

„Männer können schöne, erotische Frauen als neutrale Objekte oder Oberflächen benutzen, aber wenn Frauen ihre eigenen Gesichter oder Körper verwenden, wird ihnen automatisch Narzissmus vorgeworfen [...], weil Frauen als Sexobjekte wahrgenommen werden, wird vorausgesetzt, dass jede Frau, die ihren nackten Körper ausstellt, das nur tut, weil sie denkt, dass sie schön ist."

(Lucy Lippard, zit. nach Mithu Sanyal, Vulva, S. 160)

In Schneemanns eigenem Monolog vom Scroll — gezogen aus der Vagina, vor Publikum — taucht die Stimme des Kritikers auf, der ihr Werk ablehnt. Er nennt es: das private Durcheinander. Das beharrliche Gefühl. Die handgemachte Empfindsamkeit.

Was als Vorwurf gemeint war, klingt für mich wie eine Beschreibung. Wie ein genauer Name für alles, was mein Körper wusste — und wofür mein Kopf jahrzehntelang keine Erlaubnis hatte.

Das ist kein ästhetisches Argument. Es ist ein erkenntnistheoretisches.

Der Körper weiß vor der Sprache. Vor den Kategorien. Bevor irgendjemand entschieden hat, welches Wissen zählt.

Und wenn der Körper vor den Kategorien weiß — dann hat das politische Konsequenzen.


Und jetzt kommt der Satz, der erst scheint, als habe er sich in dieses Essay verirrt:

Der Körper kennt keine Hautfarbe.

Nicht als politische These gemeint. Nicht als Relativierung von Rassismus — der ist real, er ist strukturell, er tötet.

Sondern als körperliche Wahrheit:

Unser Gewebe trägt keinen Begriff für schwarz und weiß. Unsere Zellen kennen keine Kategorien. Unser Nervensystem kennt genau zwei Zustände, die alles entscheiden: Vertrauen oder Misstrauen. Ja oder Nein. Öffnung oder Schutz.

Das ist es, was unsere Körper leben. Nicht Konzepte. Zustände.

Und hier wird es gleichzeitig sehr präzise und sehr groß.

Denn über Somatik — über das Wissen des Körpers — verbinden wir uns nicht nur mit dem, was uns passiert ist. Wir verbinden uns mit dem, was wir im Kern sind. Mit einer Essenz, die da war, bevor irgendjemand uns gesagt hat, wer wir zu sein haben.

Und wer wir nicht sein dürfen, um dazuzugehören.

Welche Bilder, wir heraufbeschwören dürfen, um noch als "wissenschaftlich" zu gelten. Und welche nicht.

Das klingt spirituell. Es ist spirituell. Aber es ist kein spirituelles Bypassing — kein Darüber-Hinwegmeditieren, kein Auflösen in Licht, kein Stillsitzen mit dem, was uns schreien lässt.

Die Menge an Meditation, die ich in meinem Leben gemacht habe, sagt nichts darüber aus, wie sehr ich mir selbst in meiner Essenz als Mensch begegnet bin.

Das ist die Geschichte der Selbstentfremdung. Die Geschichte einer historischen, kollektiven Machtdynamik, die das Individuum zum Problem erklärt und den Kampf um Zugehörigkeit – zu Körperidealen, zum richtigen Job, zur prestigeträchtigsten Disziplin oder zu dem, was uns "einfach glücklich" macht – ins Zentrum der menschlichen Existenz rückt. Auch im 21. Jahrhundert noch. Auch noch 2026. Im Juni. Im August wahrscheinlich auch noch.

Die Rebellion davon liegt hierin:
Wie viel Raum gebe ich mir? In all meinen Gefühlen. In all den Jas und Neins. In der Wut, die keinen Ausweg findet – außer im Feuertanz. In der Traurigkeit, die sich erst zur Depression auswachsen muss, um sein zu dürfen. In der Freude, die ich erst verdient sein muss. In der Wildheit und Rauheit, die ein Körper fühlt und hält und manchmal über Jahrzehnte unterdrückt.

Diese Felder brauchen keine Sprache.
Sie brauchen Ausdruck. Und Ausdruck braucht Erlaubnis.


Hier lauert großes Potenzial dafür, mich misszuverstehen.
Hier wird es besonders deutlich, wenn wir in den Bereich intersektionaler Diskriminierung gehen.

Natürlich ist es wichtig, die Konzepte zu kennen. Zu benennen, wo Trennungen stattfinden. Die Geschichte von Ausschluss, von Gewalt, von struktureller Unsichtbarkeit sprachlich fassen zu können — das ist notwendig. Das ist politisch. Das ist Würde.

Aber nicht für die, die von Diskriminierung profitieren. Diese Sprache ist wichtig, um Räume denkbar zu machen. Die Sprache für Gewaltakte zu finden, bringt Licht in das Dunkel des traumatischer Diffusität.

Aber die Trennung auf Seiten derjenigen aufzulösen, die von ihr profitieren?

Das geht nicht durch Verstehen. Nicht durch Sprache.

Nicht durch mehr Lesen. Nicht durch das Kennen der Geschichte einer Diskriminierungsform. Nicht durch das richtige Framing im richtigen akademischen Raum.

Die Trennung findet im Körper statt. Nicht im Kopf.

Geschichte lebt in Körpern — auch ohne dass der Kopf die Konzepte kennt. Eine Frau, die nie den Begriff intergenerationales Trauma gehört hat, trägt ihn trotzdem in der Art, wie sie ihre Schultern hält, wenn sie einen Behördenbrief öffnet.

Und ebenso wie ein Körper, der nie ein Buch über Kolonialgeschichte gelesen hat, Unterwerfung als Muskelgedächtnis kennt, kennt ein Körper, der durch die Entbehrungen der Weltkriege geprägt ist, Nähe und "Anderssein" als Gefahr.

Das ist nicht Schicksal. Das ist Physiologie.

Und es bedeutet: Heilung — echte Heilung, nicht intellektuelles Verstehen von Heilung — geschieht dort, wo die Trennung entstanden ist.

Im Körper. Im Ja und Nein. Im Vertrauen, das langsam, ganz langsam wieder lernt, dass es sicher ist.

Lisa Wolfgarten ist Kulturanthropologin, somatische Therapeutin und Bildungsaufsteigerin. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Nervensystem, Geschichte und dem Recht auf einen alltagsnahen Aktivismus, der sich lebendig anfühlt.