Jungfrauengeburt

Die Geburt der Jungfrau – als Genitivus Subjectivus oder Objectivus?

Egal! Am Ende isses ne AssiBraut. Heiß, feurig, bitchig und ’n bisschen windschief steht sie da. High Heels, kurzer Rock, Ballonbrüste, Schlauchbootlippen. Ein Clichée wie es einfacher nicht sein könnte.

Und doch ist es so falsch.

In meinen Leoparden-Zebra-Leggings sitze ich vor meiner Künstlerwand in der Doppelhaushälfte mit Garten in einer der teuersten Städte Deutschlands. Fingernägel kurz genug für das bisschen Gartenarbeit und Naturfarbe auf der Rübe. Ich bekenne: Ich bin eine AssiBraut. Voller Stolz kann ich das sagen, wofür ich mich an der Uni geschämt habe.

First-Generation-Academic. So heißen wir in der Fachsprache. Bildungsaufsteiger.

Und irgendwo zwischen Sozialschmarotzer und Promovend versuchen wir uns eine Identität zu geben, die kaum eine/r greifen kann. An der Uni war dafür kein Platz. Beziehungsweise: Bildungsaufsteiger* ist nicht gleich Bildungsaufsteiger*. Der Unterschied liegt in der Wut.

Wut denn: unterstützt meine Familie mich oder driften wir auseinander?

Wut denn: verliere ich durch mein Studium Freunde und den Zugang zur alten Welt?

Wut denn: wo gehöre ich hin, wenn ich in beiden Welten nicht Fuß fassen kann?

Es wäre leicht zu denken, dass die Unterschiede im Offensichtlichen bestehen, wie Herkunft, Religion, Hautfarbe, Behinderung. Es gibt zahlreiche Studien darüber, wie diese Faktoren den Bildungsaufstieg beeinflussen.

Doch, mit Verlaub, ihr schlauen Leute, ich widerspreche.

Denn diese Faktoren sind extern vallidierbare Faktoren. Eine außenstehende Person kann die Unterschiede sehen, erkennen, klassifizieren, einstufen. Sie sind nachvollziehbar und greifbar. Und durch ihre Greifbarkeit werden für den Faden der Ariadne gehalten. In Wahrheit aber sind sie der Faden des Webteppichs, der diesen Weg auslegt. Ich gestehe gerne, dass es gebildetere Menschen gibt als mich. Menschen, die in alles, was sie sagen, Fachbegriffe derart einflechten, dass eine bloße Beobachtung nach der Weisheit höchstem Maß und letzter Schluss klingt. Sie haben gelernt auf der Klaviatur verwirrender Begrifflichkeiten zu spielen seit sie klein waren. Damit sind sie uns so hoch überlegen wie die Häuser, in denen wir aufgewachsen sind. Der Verstand dieser so gebildeten Menschen funktioniert messerscharf. Doch in diesem Fall schneidet er leider Butter. Nur ein Assi versteht einen Assi.

Nur eine Mutter kann verstehen, wenn du vom Point-of-no-return während einer Geburt sprichst. Für einen Dude bedeutet das meist etwas anderes. Könnte der Gepard dem Zebra erklären, wie er es an seinen Streifen erkennt?

In meiner Arbeit als traumasensible Friedensbildnerin sehe ich, wie sehr WissenschaftlerInnen sich an Begriffen festhalten. Einen Sachverhalt zu verstehen führt aber nicht in Verständnis über. Verständnis für einen Sachverhalt ist das rationale Greifen einer Theorie. Wie die Wissenschaft der Erdbeere (als Genitivus Objectivus): du kannst darüber forschen, ob in der Botanik, Phytogenetik oder sonst was; aber wissen, wie eine Erdbeere schmeckt, kannst du erst, wenn dein Körper und deine Sinne, die Erfahrung machen.

Die meisten Artikel in meinem Fach – Islamic and Middle Eastern Studies – begannen mit „negotiating“. Ich habe dieses Fach als historische Kulturanthropologie studiert, mit Jahreszahlen der Ereignisgeschichte kann man mich heute noch jagen. ALLES wird negotiated. Dieser cultural turn in den Geschichtswissenschaften war und ist irre wichtig. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Kultur(en) offen gelesen werden müssen, um nicht ihre Essenz zu deformieren. Fingerspitzengefühl, Krallen in Handschuhen, geile Augen hinter Sonnenbrillen sind hierfür erforderlich. Negotiated wird, wenn First Generations sprechen dürfen und gleichzeitig ihre Wahrheit als solche gehört wird. (An dieser Stelle wäre ganz philosophisch zu fragen, was Wahrheit ist und wie der Wahrheitsbegriff hier verwendet wird, aber hier geht es zunächst ums aktive Zuhören).

 

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